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Disability Studies in Deutschland:
Behinderung neu denken!

vom 18. Juli - 1. August 2003 in Bremen

Dokumentation Nachmittagsveranstaltung

Übersicht

Blicke auf Behinderung aus medizinischer und sozialer Perspektive - Silke Funke-Johannsen

Schreibwerkstatt für behinderte Menschen - Ursula Eggli
Ergebnisse der Schreibwerkstatt

Wie sage ich es einfach? - Tipps und Tricks für leichte Sprache - Werner Freudenstein und Daniela Herrmann

Was DU sagst,zählt! Lebensweltforschung - Eine Strategie in der empirischen Wissenschaft mit gleichberechtigten Partner/innen - Dr. Heike Ehrig

Vom Grundrecht auf Sexualität und der (Un)Möglichkeit,es einzufordern - Matthias Vernaldi

Der Marsch durch die Institutionen.
Behinderte Menschen als Mitarbeiter/innen in der Politik, Verwaltung und in Einrichtungen - Matthias Rösch, Horst Frehe, Ottmar Miles-Paul

Selbstverteidigung für behinderte Männer und Frauen - Alexander Broll

Frida Kahlo - Leben in zwei Welten - Dr. Kathrin Asper-Brugisser

Queering (Dis)abled Theories and Politics. Lesben mit Behinderung - Heike Raab

Tanz durch das Leben: Im Tanz den Körper neu erleben - Georg Junge

Theologische Denkmuster für Behinderung - kirchliche Tradition hinterfragen - Dr. Esther Bollack

Die Scham ist noch lange nicht vorbei. Die Behindertenbewegung und der Sex - Lothar Sandfort

"Rollstiefelchen und die stumme Prinzessin". Behinderung im Kinder-und Jugendbuch - Hedwig Kaster-Bieker und das Interview dazu hier.

Lebensqualität statt Lebenskontrolle: Positionsbestimmung der politischen Behindertenselbsthilfe - Gusti Steiner

Wie sage ich es einfach? Tipps und Tricks für leichte Sprache - Josef Ströbl, Stefan Göthling, Susanne Göbel

Schau-Spiel-Szenen: WORKSHOP --Fortlaufend an 3 Tagen - Thomas Zwerina

Open Space: Behinderte in Rumänien - Gotthilf Lorch


Silke Funke-Johannsen

Blicke auf Behinderung aus medizinischer und sozialer Perspektive

21.7.03 (14:30 - 17:30) - Ankündigung des Vortrages von Silke Funke-Johannsen

Silke Funke-JohannsenDas Leben von Menschen mit Behinderungen ist entscheidend beeinflusst durch ihre persönliche, aber auch durch medizinische und gesellschaftliche Betrachtungsweisen von Behinderung.

Der Vortrag geht der Frage nach, wie sich medizinische und soziale Perspektiven unterscheiden und welche Folgen sich aus ihnen ergeben. Es werden Konzepte der Weltgesundheitsorganisation, das Krankheitsfolgenmodell (ICIDH), die Ottawa Charta und das Modell der funktionalen Gesundheit (ICF) vorgestellt und ihre Einflüsse auf Sichtweisen von Behinderung. Es folgt eine Diskussion der Vor- und Nachteile der Konzepte mit ihrer Bedeutung für Teilhabe, Gleichstellung und Selbstbestimmung. Dabei wird argumentiert, das Behinderung nicht nur durch Defizite, sondern ebenso durch Potentiale gekennzeichnet ist und dass es sich bei Behinderung um einen Prozess handelt.

Gruppenarbeit: Silke Funke-Johannsen und Annelie Stoeppler
Gemeinsam mit den TeilnehmerInnen soll herausgefunden werden, was zum individuellen Wohlbefinden dazu gehört und wie es durch eigenes Tun oder äussere Bedingungen gefördert werden kann. Ausserdem werden Dinge benannt, die das Wohlbefinden der Menschen mit Behinderungen einschränken. Mit einer Diskussion der Gemeinsamkeiten und Verschiedenheiten sowie möglicher Strategien für Gesundheitsförderung endet die Veranstaltung.

Korrespondenzadressen:

Silke Funke-Johannsen MPH
Beethovenstr. 15A
28209 Bremen
Email: funkejo@uni-bremen.de

Annelie Stoeppler cand. MPH
Bismarckstr. 129
28203 Bremen
Email: Stolat@t-online.de

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Zur Schreibwerkstatt und deren Leiterin

Zur Kursleiterin

Ursula EggliUrsula Eggli ist Autorin einer Reihe von Büchern für Kinder und Erwachsene. Sie ist wegen Muskelschwund seit ihrer Kindheit auf den Rollstuhl angewiesen und ist in der Behinderten, Frauen- und Lesbenbewegung aktiv. Ursula Eggli lebt mit Hilfe persönlicher Assistenz zusammen mit 2 schwarzen Katzen in einem hübschen Haus in Bern

Träume sind Schäume
und Bäume wachsen doch in den Himmel

Schreibwerkstatt für behinderte Menschen zu 3 Themen mit Lesungen und Werkbeispielen der Autorin.

Mitbringen: Papier und Schreibzeug

1. Block
Schreiben
Schubladen aufräumen im Hirn,
dem Schmerz die Spitze nehmen,
statt Erinnerungsfotos Wörter sammeln, Traumländer beschreiten (berollen, befliegen )
- SCHREIBEN
(in diesem Sinn : Aller Anfang ist leicht )

2. Block

Märchen. Freakland ist ein ebenes, wunderbares Land in Irgendwo, nahe bei Ueberall , ... Wo kommen behinderte Menschen vor in den Märchen und wie kommen sie vor? Kleine Märchenkunde und Anleitungen, es besser zu machen.

3. Block

Träume. Träume spiegeln unser Innenleben und unsren Alltag. Sie können uns verängstigen oder erfreuen, und sie verraten uns viel über uns selber. Sie können uns helfen, Probleme zu verarbeiten oder in unsren Tagträumen wegzufliegen. In einem Traum Workshop reden wir von unsren Träumen, den guten und den schlechten, und versuchen, eigene zu kreieren

Ursula Eggli
Wangenstr.27
3018 Bern

Ergebnisse der Schreibwerkstatt finden Sie in dieser Dokumentation.

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Selbstbehauptung und Selbstverteidigung für Menschen mit Behinderungen

"Jede Frau und jeder Mann mit einer Behinderung kann lernen, sich selbst zu behaupten und zu verteidigen.

Das heißt vor allem für ihre/seine eigenen Rechte einzustehen, Respekt, Achtung und Akzeptanz einzufordern. In unserer Gesellschaft ist dies nicht selbstverständlich. Menschen mit Behinderung werden vor allem als Hilfeempfänger gesehen und nicht als selbstbestimmte Personen wahrgenommen.

Durch Wahrnehmungs- und Körperübungen, Rollenspiele, Gespräche und Selbstverteidigungstechniken wurden die eigenen persönlichen Ressourcen genutzt und individuelle Strategien eingeübt".

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Frida Kahlo - Leben in zwei Welten

Referentin: Dr. Kathrin Asper-Brugisser

"Frida Kahlo, durch Kinderlähmung und Unfallfolgen behindert, verbindet in ihrer Malerei die Welt der schmerzlichen Belastung und jene der vitalen Lebensfreude. Damit eröffnet sie den Zugang zur tiefen existentiellen Seinserfahrung, wonach Leben Teilhabe am Schweren und Leichten bedeutet.
Die eindrücklichen Bilder Frida Kahlos sind ein künstlerisches Erlebnis und darüber hinaus ein document humain.

Meine Beschäftigung mit Frida Kahlo reiht sich in die "disability research" ein, die von einer anderen Sicht der Behinderung als der üblichen ausgeht und danach fragt, was die wirklichen Fachleute - nämlich die Menschen mit einer Behinderung - zu ihrer persönlichen Lebensform und Daseinserfahrung zu sagen haben.

Es werden ihre Blder gezeigt und dazu Ausführungen gemacht. Die TeilnehmerInnen können sich einbringen in die Diskussion, da ich von Frida Kahlos Erfahrungen die Brücke zu den Erfahrungen der TeilnehmerInnen schlagen werde.

Dr. phil. Kathrin Asper-Brugisser ist Psychoanalytikerin/Psychotherapeutin in eigener Praxis

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Tanz durch das Leben: Im Tanz den Körper neu erleben - Georg Junge

Interview mit Ulrike Rittner

Ulrike Rittner beim TanzOttmar Miles-Paul: Sie haben an der Veranstaltung "Tanz durch das Leben" teilgenommen. Was haben Sie da genau gemacht?
Ulrike Rittner: Es wurde getanzt, was jeder selbst empfunden hat. Es wurde ein ganz anderes Verständnis von Tanz, als man es üblicherweise kennt, vermittelt. Es ging sehr viel um das Thema auch Kontakt zu haben. Kontakt über Berührung, Kontakt über Blick. Tanz drückt sich in der kleinsten Bewegung aus, d. h., auch wenn ich nur mit einem Ohr wackeln kann, dann kann ich tanzen, wenn ich es fühle und ausdrücke. Es war sehr schön.

Ottmar Miles-Paul: Haben Sie sich auch mit dem Leben beschäftigt oder wurde nur getanzt?
Ulrike Rittner: Also der Referent sagte, dass er Schwierigkeiten hat, mit dem Thema "Tanz durch das Leben". Es war eigentlich ein anderer Referent vorgesehen, der dieses Thema ausgewählt hat. Wir haben einfach getanzt, es uns gut gehen lassen und haben total viel Spaß gehabt.

Ottmar Miles-Paul: Na das klingt doch gut. Was würden Sie sich in diesem Bereich wünschen, was zukünftig noch gemacht werden könnte?
Ulrike Rittner: Für mich persönlich würde ich mir wünschen, dass in der Gegend, in der ich lebe, es eine Gruppe gibt, die diese Art von Tanz, also Kontaktimprovisation, anbietet. Ich werde vielleicht sehen, ob ich nicht selber so etwas ins Leben rufe oder eine Gruppe finde, die das machen will. Das es einfach mehr gemacht wird, weil die Möglichkeiten, dass Behinderte und Nichtbehinderte etwas zusammen machen, bei dieser Kontaktimprovisation sehr groß sind.

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Theologische Denkmuster für Behinderung - kirchliche Tradition hinterfragen - Dr. Esther Bollack

Dr. Esther BollackOttmar Miles-Paul: Sie sind heute hier auf der Sommeruni, um mit den TeilnehmerInnen über die theologischen Denkmuster für Behinderung zu diskutieren. Was sind das für Denkmuster?
Dr. Esther Bollack: Das sind verschiedene, aber es gibt fünf große. Das eine ist Behinderung, Sie werden es nicht glauben, kommt von Gott. Diese kommt einem immer noch ganz häufig entgegen. Oder Behinderung ist Teil der Todeswirklichkeit, der Welt oder eben auch eine Folge von Sünde, weil die Sünde hat theologisch als Lohn den Tod und Behinderung wird dann eben als ein Stück Todeswirklichkeit gesehen.

Ottmar Miles-Paul: Also auch Abschreckung?
Dr. Esther Bollack: Ja, natürlich. Das man dann eben sagt, dass Behinderung eine Erziehungsmaßnahme Gottes sei. Eben immer noch nach dem Motto: "Wen Gott liebt, den züchtigt er." Denn Behinderung ist ein zu tragendes Kreuz und da kommt dann manchmal, "Behinderte sind Gott besonders nah", warum, steht aber auf einem ganz anderen Blatt geschrieben. Oder, und das habe ich herausgefunden, was mich selber am meisten überzeugt, dass ich sage, "Behinderung ist eine Versuchung zum Unglauben". Ich bin auf das Thema gestoßen, als ich Material zum Thema Behinderung gesucht habe und nicht viel gefunden habe, außer diese zerstörerischen Muster oder dass die Leute dann gesagt haben, "warum willst Du darüber eigentlich überhaupt systematisch nachdenken, das gehört doch in die praktische Theologie - Behinderten muss man einfach helfen?" Und ich habe dann schon gesagt: "Nein, das stimmt nicht, wir sind in der Theologie selbst drin". Das ist wichtig, damit wir in der Dogmatik drin sind, denn die Dogmatik ist die Ideologie der Kirche und so lange die Ideologie der Kirche nicht genau angeguckt wird, haben wir ein Schattendasein.

Ottmar Miles-Paul: Gibt es denn behinderte Menschen, die einen Einfluss auf die Ideologie nehmen, so dass sich das alte Denken endlich ändert?
Dr. Esther Bollack: Ja, es gibt z.B. bundesweit den Konvent behinderter Seelsorger und Seelsorgerinnen und das ist der einzige Konvent, den es bundesweit gibt. D.h., das ist ein Konvent von theologisch ausgebildeten Menschen, nicht nur Behinderter, sondern auch Seelsorger, die sich mit behinderten Menschen speziell beschäftigen.

Ottmar Miles-Paul: Was erhoffen Sie sich persönlich mit Ihrem Engagement in diesem Bereich zu erreichen?
Dr. Esther Bollack: Eigentlich nur, dass die Leute sagen: "Hoppla, das stimmt ja eigentlich." Es ist noch vor 15 Jahren passiert, als ich frisch in Deutschland war, da kam ein junger Kollege auf mich zu und hat gesagt: " Ja, ja, es stimmt ja, ich habe auch kein besseres Denkmuster über Behinderte und so geht es ja nicht, haben Sie nicht etwas besseres?" Ich habe dann ein Muster gefunden, da sagt Paulus, er sei selber krank und schwach zu den Gelehrten gekommen und diese Krankheit, was immer es war, hätte die Leute nicht abgeschreckt, sondern sie hätten ihn trotzdem aufgenommen. Es wäre keine Versuchung gewesen, sondern sie hätten ihn aufgenommen, wie einen Sohn Gottes. Und dann habe ich gedacht, "hoppla - Versuchung?", ich bin dann dem Begriff nachgegangen und das ist der selbe scharfe Begriff wie bei "Unser Vater, führe uns nicht in Versuchung...", wo ich übrigens glaube, dass das ein Fehler ist, denn es müsste eigentlich heißen: "führe uns in der Versuchung" und nicht "führe uns nicht in Versuchung...", weil das gibt es überhaupt nicht, dass der Mensch keine Versuchung hat. Das gehört zum Leben mit dazu, dass er herausgefordert ist. Versuchung würde also bedeuten, eine so große Herausforderung, dass der ganze Mensch und der ganze Glaube dauernd auf dem Spiel steht.

Ottmar Miles-Paul: Was würde denn mit den Kirchen passieren, wenn man ihnen die Behinderten wegnehmen würde, denen sie helfen können? Die Kirchen unterhalten ja mit ihren Wohlfahrtsorganisationen viele Einrichtungen, wo man Gutes tun kann und in den Himmel kommt. Was würde denn passieren, wenn jetzt plötzlich diese Leute nicht mehr da wären, denen man helfen kann?
Dr. Esther Bollack: Ich glaube kaum, dass die Leute, die da arbeiten, unbedingt deswegen in den Himmel wollen. So wie ich ganz viele Leute in den Einrichtungen kenne, die haben mit Kirche auch nicht mehr furchtbar viel am Hut.

Ottmar Miles-Paul: Die Caritas und die Diakonie sind ja noch mit die größten Betreiber von Einrichtungen, die sich gegen Öffnungen sträuben, hat das denn noch viel mit Theologie zu tun, oder geht es da ums reine business? Wenn das Leben von Menschen, die in 2-,3-,4- Bett Zimmern untergebracht sind, nicht kritisch betrachtet wird, wenn an Tagen der "schönen" offenen Tür so etwas dann gepriesen wird, ist da irgendwie Bewegung drin, so dass sich da Leute mal auflehnen, und das für ambulante Unterstützungsformen gestritten wird?
Dr. Esther Bollack: Doch, doch. Ich kann jetzt nur für Alsterdorf sprechen, die versuchen, sich zu öffnen, seit 20 Jahren, aber das sind Prozesse, Prozesse auch in der Bevölkerung, auch heute noch. wenn ich in Hamburg Taxi fahre und sage, bitte bringen Sie mich zur Evangelischen Stiftung dann sagen 9 von 10 Taxifahrern: "Was meinen Sie? Ach sie meinen die Alsterdorfer Anstalten!". Und dabei heißen sie seit 20 Jahren nicht mehr so. Aber so ist es halt noch in den Köpfen der Leute drin. Eigentlich kann ja jeder mit hilfsbedürftigen Menschen umgehen. Die nichtbehinderten Nachbarn müssen lernen, dass sie z.B. auch den behinderten Nachbarn den Schlüssel übergeben können, damit sie Blumen gießen. Also das wäre das Idealbild. Das man deswegen noch lange nicht die Integration hat, das ist klar. Es wird sich sowieso etwas ändern, weil die Kirche auch in ihren kirchlichen Einrichtungen immer knapper planen muss. Also muss man sich sowieso andere Strategien überlegen.

Ottmar Miles-Paul: Woran arbeiten Sie zur Zeit?
Dr. Esther Bollack: Ich habe in Hamburg ein kleines ethisches Institut gegründet, das ist ein eingetragener Verein und Träger ist die Nordelbische Kirche und die reformierte Kirche von Hamburg. Und Alsterdorf zahlt die Sachkosten, es ist eben eine gute ökumenische Zusammenarbeit und eben auch eine Zusammenarbeit zwischen einer sogenannten diakonischen Einrichtung und einer normal verfassten Kirche und ich versuche vernünftige Erwachsenenbildung zum Thema Bioethik zu betreiben, z.B. die Frage Sterbehilfe oder die Frage Pränataldiagnostik. Was sind das überhaupt für Methoden und was bedeutet das überhaupt. All die wichtigen Fragen auch zum Thema Gentechnologie umzusetzen in Erwachsenenbildungskonzepte, eben nicht für Experten, denn es gibt zu viele Experten die diskutieren und zu wenig Normalbürger. und ich versuche das umzusetzen. Das Institut heißt Pädagogisch Ethisches Institut in Hamburg.

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"Rollstiefelchen und die stumme Prinzessin". Behinderung im Kinder-und Jugendbuch - Hedwig Kaster-Bieker

Interview mit Hedwig Kaster-Bieker

Hedwig Kaster-BiekerOttmar Miles-Paul: Sie haben viel über berühmte behinderte Frauen geforscht. Was war dabei das Interessanteste oder Beeindruckendste?
Hedwig Kaster-Bieker: Es war erstaunlich, wie unterschiedlich die Frauen mit ihrer Behinderung umgegangen sind und es war auch erstaunlich, dass es auch in früheren Zeiten, als es den Begriff Feminismus noch gar nicht gab, es sehr wohl Frauen gab, die man aus heutiger Sicht als emanzipiert bezeichnen kann, die selbstbewusst mit ihrer Behinderung umgegangen sind.

Ottmar Miles-Paul: Es stand also nicht nur das Engagement für die Frauenrechte im Mittelpunkt, sondern sie haben sich auch für ihr Behindertsein entsprechend engagiert?
Hedwig Kaster-Bieker: Damen aus früheren Epochen haben sich nicht engagiert für andere Behinderte, sondern, ich sage einmal, die haben versucht mit ihrer eigenen Behinderung klar zukommen und ihren Platz in der Gesellschaft zu finden. Die jüngeren, die zeitgenössischen Behinderten, die auftauchen, die haben sich sehr wohl engagiert. Die gehen sehr offensiv an ihre Behinderung ran, also ich nenne nur zwei Beispiele, Emanuelle Laboriet, eine gehörlose Schauspielerin, mittlerweile sehr bekannt, die sich sehr engagiert für die Gebärdensprache, als unverzichtbares Kommunikationsmittel für gehörlose Menschen, einsetzt. Sie geht damit auch an die Öffentlichkeit.

Ottmar Miles-Paul: Wenn man in der Geschichte zurück geht, auf welche behinderten Frauen stößt man denn da?
Hedwig Kaster-Bieker: Da nenne ich wohl die, mit denen ich mich am besten auskenne. Eine damals berühmte Schriftstellerin ist Eugenia Marvelett, die saß zwanzig Jahre im Rollstuhl. Oder es ist Margarethe Steiff, die Begründerin der Steiffplüschtieredynastie, die Frau hatte Polio und hat dann das beste daraus gemacht. Also das sind jetzt so ältere Frauen und dann gibt es halt schlimme Beispiele aus der Zeit des Nationalsozialismus, wie man da mit Behinderung umging. Also da konnte dann die Etikettierung "Behinderung" wirklich direkt zum Tode führen. Zwangssterilisation und dann Zwangseinweisung in die Psychiatrie und dann wurden die Menschen umgebracht.

Ottmar Miles-Paul: Weshalb finden Sie die Forschung über berühmte behinderte Frauen so wichtig?
Hedwig Kaster-Bieker: Ich denke, weil es einfach noch ein Gebiet ist, was vielen Leuten sehr unbekannt ist. Man kennt einige berühmte Männer mit Behinderung, ich nenne diesen berühmten Physiker Stephen Hawkins. Wenn man den Begriff behinderte Frauen in die Diskussion wirft, dann sind sehr wenige Frauen bekannt. Frauen, die eine Behinderung hatten, haben diese versteckt. Rosa Luxemburg hat sehr gehinkt, aber das sie behindert war, ist nur sehr wenigen Leuten bekannt gewesen.

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Lebensqualität statt Lebenskontrolle: Positionsbestimmung der politischen Behindertenselbsthilfe - Gusti Steiner

Interview mit Gusti Steiner

Gusti SteinerOttmar Miles-Paul: Was haben Sie hier auf der Sommeruni genau angeboten?
Gusti Steiner: Ich habe hier in Bremen eine Veranstaltung zur Standortbestimmung der Behindertenbewegung zur Euthanasie angeboten. Ich habe dabei den Film "Der Pannwitzblick" gezeigt und anschließend ein wenig die Theorie der letzten 30 Jahre in der Auseinandersetzung ausgearbeitet und wir wollen heute noch etwas machen über einzelne Aktionen in den letzten 30 Jahren. Da sind wir gar nicht mehr zu gekommen, die Zeit war uns zu kurz.

Ottmar Miles-Paul: Wie ist den der Standort der Bewegung?
Gusti Steiner: Ja der Standort der Bewegung, da ging es mir darum, eben auch für Jüngere nicht nur das Rad wieder neu zu erfinden, sondern die vertraut zu machen, mit den Strategien, denen wir begegnet sind. Wir haben im Grunde gesagt, es war nicht nur ein einmaliger Entgleisungsfehler, was die Nazis mit der Ermordung hunderttausender Behinderter gemacht haben, denn es war schon eine wissenschaftlich vorbereitete Geschichte, die immer wieder kommen kann. Besonders dann, wenn das Geld knapp wird, kommen die Tötungsideologien wieder an die Oberfläche, um einfach Geld zu sparen. Und da kommen eben solche Argumentationsmuster zustande, das man sagt, ja, um den leichtbehinderten Menschen eine Chance zu geben, muss man die Schwerbehinderten hinmachen. Und das wollten wir einfach mal deutlich machen, dass das Morgen oder Übermorgen wieder passieren kann. Und wenn man ein paar Wochen zurück geht, dann war da die Diskussion, dass der alte Mensch mit 75, nicht mehr gesundheitlich so versorgt werden soll, wie ein jüngerer.

Ottmar Miles-Paul: Was haben die Jüngeren denn zu den Rädern gesagt, die Sie Ihnen präsentiert haben, die sie nicht mehr neu erfinden sollen? Sind die in der Diskussion mit dabei oder sind die auf einem ganz anderen Stern?
Gusti Steiner: Meine Erfahrung in dieser Veranstaltung war, dass die eigentlich diese Mechanismen erkannt haben. Es war für die nicht so eine ganz neue Idee, trotzdem, so glaube ich, muss man immer wieder darauf hinweisen, weil sonst wird das so abgelegt unter dem Stichwort "die Nazis - die haben wir ja nicht mehr" und das ist auch lange überwunden, aber die ganz feinen Formen, wie das immer wieder mit Atrott und der Tötung durch Zyankali gemacht worden ist, oder wie das propagiert wird durch Singer. Singer wird dann im Grunde sagen, ja das sind eben Leute, die nur leiden und die muss man vom Leid erlösen. Das war denen nicht ganz unbekannt und das fand ich gut. Das sind die Gedanken, mit denen wir uns die letzten dreißig Jahre herumgeschlagen haben, dass die auch so bei den Leuten im Kopf waren.

Ottmar Miles-Paul: Wenn Sie einen Ausblick auf die nächsten dreißig Jahre wagen könnten, wo würden Sie die Behindertenbewegung gerne sehen?
Gusti Steiner: Ich würde sie gerne dort sehen, wo sie die Probleme überwunden hat, die uns heute immer wieder beschäftigen. also dass das SGB IX die Gleichstellungsgesetze im Bund und in den Ländern für eine bessere Ausgangsbasis sorgen und trotzdem würde ich mir auch in dreißig Jahren aktive Gruppen wünschen. Vieles kann nur in Gruppen bewältigt werden, immer wieder sich auseinander zu setzen, mit unterschiedlichen Positionen ist eigentlich nur in der Gruppe möglich. Wir sind ja auch älter, das ist ja auch unser Nachteil, auch ein wenig in den Städten und in den Regionen vereinzelt. Und es wäre schön, wenn da Gruppen einfach wieder wachsam werden, aktiv werden und ich denke und würde mir auch wünschen, die hätten ganz andere Probleme, die sie bewältigen müssen, als wir. Weniger gravierend, weniger die Existenz in Frage stellend, als das jetzt noch bei uns der Fall ist.

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Schau-Spiel-Szenen - Ein Theater-Workshop unter der Leitung von Thomas Zwerina (Gießen)

Thomas ZwerinaWorkshop-Ankündigung:

Weit mehr Menschen, als man denkt, hegen den Wunsch nach persönlichem kreativen Schaffen in Form von theaterästhetischem Ausdruck. Sie sind auf der Suche nach ihren individuellen darstellerischen Möglichkeiten und nach dem Was und dem Wie für eine szenische Umsetzung ihrer Ideen. Der Workshop möchte ihrem schauspielerischen Interesse und ihrer Intuition grundlegende Impulse, Motivation geben und nachfolgend Gestalt verleihen. Individuelle Ausdrucksfähigkeit des Einzelnen zu entfalten und diese in szenische Konzepte einzubetten, darum geht es.

Der Workshop orientiert sich an Methoden des Improvisationstheaters, das in Teilbereichen auf literarische Textvorlagen (Gedichte und Kurzprosa) zurückgreift, um die SpielerInnen zu Einzelszenen, individueller Ausdrukckskraft und plastischer Rollengestaltung zu führen. Dabei wird die eigene subjektive Wahrnehmung von Körper, Bewegung und Stimme zu einem wichtigen Bestandteil unseres gemeinsamen Arbeitens. Das Workshop-Konzept vermittelt darüber hinaus fundamentale Zugänge zum Theaterspielen und steht einem breiten Kreis von Interessierten (mit oder ohne Vorerfahrung) offen. Für die Teilnahme ist auf bequeme Kleidung und Schuhwerk zu achten. Auch empfiehlt es sich Papier und Bleistift mitzubringen.
Der Workshop findet vom 29.07.-31.07.2003 jeweils von 14:30 - 17:30 Uhr statt.

Thomas Zwerina ist lehrender Studienrat für die Fächer Englisch und Deutsch sowie Lehrer für das Zuhören an der Clemens-Brentano-Europaschule in Lollar; im Sommersemester 2003 Lehrbeauftragter für "Körper, Atem und Stimme" am Institut für Schulpädagogik an der Justus-Liebig-Universität Gießen; Mitglied der "Landesarbeitsgemeinschaft Darstellendes Spiel an hessischen Schulen"; seit 1990 Bühnenerfahrung in diversen Projekten als Pianist, Klang- und Geräuschespezialist, Rezitator und Schauspieler mit Veröffentlichungen in Print- und Hörmedien; seit 1999 musikalisch-literarisches Programm "lichtpausen" mit Siegfried Saerberg (zuletzt für den Südwestdeutschen Rundfunk in Mainz).

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Open Space: Behinderte in Rumänien - Gotthilf Lorch

Interview mit Gotthilf Lorch über die Open Space Veranstaltung "Behinderte in Rumänien"

Gotthilf LorchOttmar Miles-Paul: Morgen läuft im "Open Space" ein Bildervortrag über Rumänien. Was wird da gezeigt?
Gotthilf Lorch: Zunächst habe ich vor zu zeigen, wie die Situation von Menschen mit Behinderung in Rumänien ist, nämlich, mit Verlaub gesagt, beschissen. Dann habe ich vor ein paar nette Bilder über Rumänien zu zeigen, was eigentlich ein wunderschönes Land ist und als 3. stelle ich dann noch einen Verein vor, den ich in Tübingen zur Unterstützung von Menschen mit Behinderung in Rumänien gegründet habe.

Ottmar Miles-Paul: Wie sind Sie dazu gekommen, sich gerade mit Rumänien zu beschäftigen und vor allem nicht nur mit der schönen Landschaft Rumäniens, sondern auch mit behinderten Menschen in Rumänien?
Gotthilf Lorch: Ja das ist ganz einfach, ich hatte eine Assistentin, die bei mir gearbeitet hat, die kommt aus Rumänien, studiert in Deutschland und meinte, dass ich sie doch auch mal zu Hause besuchen könnte, nicht mit dem Hintergedanken, dass sie dann relativ billig ihre Eltern besuchen und auch Geld verdienen kann und ich nicht ohne Hintergedanken, dass ich mit einer Assistentin das Land kennen lernen kann, mit einer Frau, die einfach auch die Sprache kennt und die Kultur und dass man ein Land so auch ganz anders kennen lernen kann. Dann bin ich selber schon sehr lange in der Behindertenbewegung in verschiedenen Funktionen aktiv und habe mich ganz einfach für die Situation dieser Menschen interessiert. Zumal man in Rumänien, wenn man jetzt einen ersten Blick drauf wirft, sehr viele behinderte Menschen auf der Straße betteln sieht, weil einfach die Verhältnisse dort so schlecht sind. Wenn man allerdings genauer hinblickt, kann man feststellen, dass dies hauptsächlich behinderte Zigeuner sind, die in Rumänien betteln, die zum Teil auch, so sagt man wenigstens, damit sie mehr Geld einbringen beim Betteln, schon schon als Kleinkind behindert gemacht werden. Das ist also eine ganz furchtbare Situation und dass Menschen mit Behinderungen dort, die nicht den Zigeunerstämmen angehören, dass die einfach gar nicht auf den Straßen gesehen werden. Die betteln also nicht, sie geben sich mit ihrer Situation ab.

Ottmar Miles-Paul: Wo sind die?
Gotthilf Lorch: Die sind meist zu Hause, die leben in Dörfern bei ihren Eltern. Sie haben kaum die Möglichkeit, aus dem Haus zu kommen, weil es dort noch sehr wenige Möglichkeiten gibt, an Hilfsmittel zu kommen. Viele haben gar keinen Rollstuhl, alle sind darauf angewiesen, dass sie ihre Hilfsmittel, wie z.B. Rollstühle und Rollatoren von irgendwelchen Hilfsorganisationen bekommen, die aus dem Ausland, meistens aus westeuropäischen Ländern, kommen. Und wenn sie dann keine Kontakte und keine Tipps bekommen, dann haben sie einfach keine.

Ottmar Miles-Paul: Wenn Sie könnten, was würden Sie tun, um die Situation zu verbessern?
Gotthilf Lorch: Ja, ich kann ein bisschen etwas tun, in dem ich immer wieder Hilfsmittel hier in Deutschland von Sanitätshäusern, die ausgemustert werden, abschnorre und die nach Rumänien bringe. Was ich in nächster Zeit vor habe, das ist eine Seminarreihe für Menschen mit Behinderung in Rumänien, wo sie sich selbst erst einmal mit ihrer Behinderung und mit Behinderung in der Gesellschaft auseinandersetzen sollen, wo sie aber was über das Sozialrecht und andere Rechte in Rumänien mitbekommen sollen. Mit dem Ziel, dass sie sich dann zusammenschließen, vor Ort Gruppen bilden, um sich mit anderen Menschen mit Behinderung über sich und ihre Situation auseinander zu setzen und auch in der Hoffnung, dass ein paar dabei bleiben, um einfach Eigeninitiative zu ergreifen, die in Rumänien ja auch noch sehr, sehr gering ist. Die Eigeninitiative in Rumänien ist sehr gering, weil es früher ein kommunistischer Staat und eine Diktatur war. Dort leben viele Menschen nach dem Motto, der Staat muss etwas für uns tun und wenn der Staat nichts für uns tut, dann passiert sowieso nichts. Zusammen mit meiner Frau, die auch aus Rumänien ist, will ich also Veränderungen bewirken und einfach den Menschen helfen. Nähere Informationen finden Sie unter www.amici-tue.de.

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Gisela Hermes, Swantje Köbsell und Ottmar Miles-Paul
für das Vorbereitungsteam

ottmar.miles-paul@bifos.de


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