Silke Funke-Johannsen
21.7.03 (14:30 - 17:30) - Ankündigung des Vortrages von Silke Funke-Johannsen
Das Leben von Menschen mit Behinderungen ist entscheidend beeinflusst durch
ihre persönliche, aber auch durch medizinische und gesellschaftliche
Betrachtungsweisen von Behinderung.
Der Vortrag geht der Frage nach, wie sich medizinische und soziale Perspektiven unterscheiden und welche Folgen sich aus ihnen ergeben. Es werden Konzepte der Weltgesundheitsorganisation, das Krankheitsfolgenmodell (ICIDH), die Ottawa Charta und das Modell der funktionalen Gesundheit (ICF) vorgestellt und ihre Einflüsse auf Sichtweisen von Behinderung. Es folgt eine Diskussion der Vor- und Nachteile der Konzepte mit ihrer Bedeutung für Teilhabe, Gleichstellung und Selbstbestimmung. Dabei wird argumentiert, das Behinderung nicht nur durch Defizite, sondern ebenso durch Potentiale gekennzeichnet ist und dass es sich bei Behinderung um einen Prozess handelt.
Gruppenarbeit: Silke Funke-Johannsen und Annelie Stoeppler
Gemeinsam mit den TeilnehmerInnen soll herausgefunden werden, was zum
individuellen Wohlbefinden dazu gehört und wie es durch eigenes Tun oder
äussere Bedingungen gefördert werden kann. Ausserdem werden Dinge benannt,
die das Wohlbefinden der Menschen mit Behinderungen einschränken. Mit einer
Diskussion der Gemeinsamkeiten und Verschiedenheiten sowie möglicher
Strategien für Gesundheitsförderung endet die Veranstaltung.
Korrespondenzadressen:
Silke Funke-Johannsen MPH
Beethovenstr. 15A
28209 Bremen
Email: funkejo@uni-bremen.de
Annelie Stoeppler cand. MPH
Bismarckstr. 129
28203 Bremen
Email: Stolat@t-online.de
Zur Kursleiterin
Ursula Eggli ist Autorin einer Reihe von Büchern für Kinder und Erwachsene. Sie ist wegen Muskelschwund seit ihrer Kindheit auf den Rollstuhl angewiesen und ist in der Behinderten, Frauen- und Lesbenbewegung aktiv. Ursula Eggli lebt mit Hilfe persönlicher Assistenz zusammen mit 2 schwarzen Katzen in einem hübschen Haus in Bern
Schreibwerkstatt für behinderte Menschen zu 3 Themen mit Lesungen und Werkbeispielen der Autorin.
Mitbringen: Papier und Schreibzeug
1. Block
Schreiben
Schubladen aufräumen im Hirn,
dem Schmerz die Spitze nehmen,
statt Erinnerungsfotos Wörter sammeln, Traumländer beschreiten (berollen, befliegen )
- SCHREIBEN
(in diesem Sinn : Aller Anfang ist leicht )
2. Block
Märchen. Freakland ist ein ebenes, wunderbares Land in Irgendwo, nahe bei Ueberall , ... Wo kommen behinderte Menschen vor in den Märchen und wie kommen sie vor? Kleine Märchenkunde und Anleitungen, es besser zu machen.
3. Block
Träume. Träume spiegeln unser Innenleben und unsren Alltag. Sie können uns verängstigen oder erfreuen, und sie verraten uns viel über uns selber. Sie können uns helfen, Probleme zu verarbeiten oder in unsren Tagträumen wegzufliegen. In einem Traum Workshop reden wir von unsren Träumen, den guten und den schlechten, und versuchen, eigene zu kreieren
Ursula Eggli
Wangenstr.27
3018 Bern
Ergebnisse der Schreibwerkstatt finden Sie in dieser Dokumentation.
"Jede Frau und jeder Mann mit einer Behinderung kann lernen, sich selbst zu behaupten und zu verteidigen.
Das heißt vor allem für ihre/seine eigenen Rechte einzustehen, Respekt, Achtung und Akzeptanz einzufordern. In unserer Gesellschaft ist dies nicht selbstverständlich. Menschen mit Behinderung werden vor allem als Hilfeempfänger gesehen und nicht als selbstbestimmte Personen wahrgenommen.
Durch Wahrnehmungs- und Körperübungen, Rollenspiele, Gespräche und Selbstverteidigungstechniken wurden die eigenen persönlichen Ressourcen genutzt und individuelle Strategien eingeübt".
Referentin: Dr. Kathrin Asper-Brugisser
"Frida Kahlo, durch Kinderlähmung und Unfallfolgen behindert, verbindet in
ihrer Malerei die Welt der schmerzlichen Belastung und jene der vitalen
Lebensfreude. Damit eröffnet sie den Zugang zur tiefen
existentiellen Seinserfahrung, wonach Leben Teilhabe am Schweren und
Leichten bedeutet.
Die eindrücklichen Bilder Frida Kahlos sind ein künstlerisches Erlebnis und
darüber hinaus ein document humain.
Meine Beschäftigung mit Frida Kahlo reiht sich in die "disability research" ein, die von einer anderen Sicht der Behinderung als der üblichen ausgeht und danach fragt, was die wirklichen Fachleute - nämlich die Menschen mit einer Behinderung - zu ihrer persönlichen Lebensform und Daseinserfahrung zu sagen haben.
Es werden ihre Blder gezeigt und dazu Ausführungen gemacht. Die TeilnehmerInnen können sich einbringen in die Diskussion, da ich von Frida Kahlos Erfahrungen die Brücke zu den Erfahrungen der TeilnehmerInnen schlagen werde.
Dr. phil. Kathrin Asper-Brugisser ist Psychoanalytikerin/Psychotherapeutin in eigener Praxis
Interview mit Ulrike Rittner
Ottmar Miles-Paul: Sie haben an der Veranstaltung "Tanz durch das Leben"
teilgenommen. Was haben Sie da genau gemacht?
Ulrike Rittner: Es wurde getanzt, was jeder selbst empfunden hat. Es wurde
ein ganz anderes Verständnis von Tanz, als man es üblicherweise kennt,
vermittelt. Es ging sehr viel um das Thema auch Kontakt zu haben. Kontakt
über Berührung, Kontakt über Blick. Tanz drückt sich in der kleinsten
Bewegung aus, d. h., auch wenn ich nur mit einem Ohr wackeln kann, dann kann
ich tanzen, wenn ich es fühle und ausdrücke. Es war sehr schön.
Ottmar Miles-Paul: Haben Sie sich auch mit dem Leben beschäftigt oder wurde
nur getanzt?
Ulrike Rittner: Also der Referent sagte, dass er Schwierigkeiten hat, mit
dem Thema "Tanz durch das Leben". Es war eigentlich ein anderer Referent
vorgesehen, der dieses Thema ausgewählt hat. Wir haben einfach getanzt, es
uns gut gehen lassen und haben total viel Spaß gehabt.
Ottmar Miles-Paul: Na das klingt doch gut. Was würden Sie sich in diesem
Bereich wünschen, was zukünftig noch gemacht werden könnte?
Ulrike Rittner: Für mich persönlich würde ich mir wünschen, dass in der
Gegend, in der ich lebe, es eine Gruppe gibt, die diese Art von Tanz, also
Kontaktimprovisation, anbietet. Ich werde vielleicht sehen, ob ich nicht
selber so etwas ins Leben rufe oder eine Gruppe finde, die das machen will.
Das es einfach mehr gemacht wird, weil die Möglichkeiten, dass Behinderte
und Nichtbehinderte etwas zusammen machen, bei dieser Kontaktimprovisation
sehr groß sind.
Ottmar Miles-Paul: Sie sind heute hier auf der Sommeruni, um mit den
TeilnehmerInnen über die theologischen Denkmuster für Behinderung zu
diskutieren. Was sind das für Denkmuster?
Dr. Esther Bollack: Das sind verschiedene, aber es gibt fünf große. Das eine
ist Behinderung, Sie werden es nicht glauben, kommt von Gott. Diese kommt
einem immer noch ganz häufig entgegen. Oder Behinderung ist Teil der
Todeswirklichkeit, der Welt oder eben auch eine Folge von Sünde, weil die
Sünde hat theologisch als Lohn den Tod und Behinderung wird dann eben als
ein Stück Todeswirklichkeit gesehen.
Ottmar Miles-Paul: Also auch Abschreckung?
Dr. Esther Bollack: Ja, natürlich. Das man dann eben sagt, dass Behinderung
eine Erziehungsmaßnahme Gottes sei. Eben immer noch nach dem Motto: "Wen
Gott liebt, den züchtigt er." Denn Behinderung ist ein zu tragendes Kreuz
und da kommt dann manchmal, "Behinderte sind Gott besonders nah", warum,
steht aber auf einem ganz anderen Blatt geschrieben. Oder, und das habe ich
herausgefunden, was mich selber am meisten überzeugt, dass ich sage,
"Behinderung ist eine Versuchung zum Unglauben". Ich bin auf das Thema
gestoßen, als ich Material zum Thema Behinderung gesucht habe und nicht viel
gefunden habe, außer diese zerstörerischen Muster oder dass die Leute dann
gesagt haben, "warum willst Du darüber eigentlich überhaupt systematisch
nachdenken, das gehört doch in die praktische Theologie - Behinderten muss
man einfach helfen?" Und ich habe dann schon gesagt: "Nein, das stimmt
nicht, wir sind in der Theologie selbst drin". Das ist wichtig, damit wir in
der Dogmatik drin sind, denn die Dogmatik ist die Ideologie der Kirche und
so lange die Ideologie der Kirche nicht genau angeguckt wird, haben wir ein
Schattendasein.
Ottmar Miles-Paul: Gibt es denn behinderte Menschen, die einen Einfluss auf
die Ideologie nehmen, so dass sich das alte Denken endlich ändert?
Dr. Esther Bollack: Ja, es gibt z.B. bundesweit den Konvent behinderter
Seelsorger und Seelsorgerinnen und das ist der einzige Konvent, den es
bundesweit gibt. D.h., das ist ein Konvent von theologisch ausgebildeten
Menschen, nicht nur Behinderter, sondern auch Seelsorger, die sich mit
behinderten Menschen speziell beschäftigen.
Ottmar Miles-Paul: Was erhoffen Sie sich persönlich mit Ihrem Engagement in
diesem Bereich zu erreichen?
Dr. Esther Bollack: Eigentlich nur, dass die Leute sagen: "Hoppla, das
stimmt ja eigentlich." Es ist noch vor 15 Jahren passiert, als ich frisch in
Deutschland war, da kam ein junger Kollege auf mich zu und hat gesagt: " Ja,
ja, es stimmt ja, ich habe auch kein besseres Denkmuster über Behinderte und
so geht es ja nicht, haben Sie nicht etwas besseres?" Ich habe dann ein
Muster gefunden, da sagt Paulus, er sei selber krank und schwach zu den
Gelehrten gekommen und diese Krankheit, was immer es war, hätte die Leute
nicht abgeschreckt, sondern sie hätten ihn trotzdem aufgenommen. Es wäre
keine Versuchung gewesen, sondern sie hätten ihn aufgenommen, wie einen Sohn
Gottes. Und dann habe ich gedacht, "hoppla - Versuchung?", ich bin dann dem
Begriff nachgegangen und das ist der selbe scharfe Begriff wie bei "Unser
Vater, führe uns nicht in Versuchung...", wo ich übrigens glaube, dass das
ein Fehler ist, denn es müsste eigentlich heißen: "führe uns in der
Versuchung" und nicht "führe uns nicht in Versuchung...", weil das gibt es
überhaupt nicht, dass der Mensch keine Versuchung hat. Das gehört zum Leben
mit dazu, dass er herausgefordert ist. Versuchung würde also bedeuten, eine
so große Herausforderung, dass der ganze Mensch und der ganze Glaube dauernd
auf dem Spiel steht.
Ottmar Miles-Paul: Was würde denn mit den Kirchen passieren, wenn man ihnen
die Behinderten wegnehmen würde, denen sie helfen können? Die Kirchen
unterhalten ja mit ihren Wohlfahrtsorganisationen viele Einrichtungen, wo
man Gutes tun kann und in den Himmel kommt. Was würde denn passieren, wenn
jetzt plötzlich diese Leute nicht mehr da wären, denen man helfen kann?
Dr. Esther Bollack: Ich glaube kaum, dass die Leute, die da arbeiten,
unbedingt deswegen in den Himmel wollen. So wie ich ganz viele Leute in den
Einrichtungen kenne, die haben mit Kirche auch nicht mehr furchtbar viel am
Hut.
Ottmar Miles-Paul: Die Caritas und die Diakonie sind ja noch mit die größten
Betreiber von Einrichtungen, die sich gegen Öffnungen sträuben, hat das denn
noch viel mit Theologie zu tun, oder geht es da ums reine business? Wenn das
Leben von Menschen, die in 2-,3-,4- Bett Zimmern untergebracht sind, nicht
kritisch betrachtet wird, wenn an Tagen der "schönen" offenen Tür so etwas
dann gepriesen wird, ist da irgendwie Bewegung drin, so dass sich da Leute
mal auflehnen, und das für ambulante Unterstützungsformen gestritten wird?
Dr. Esther Bollack: Doch, doch. Ich kann jetzt nur für Alsterdorf sprechen,
die versuchen, sich zu öffnen, seit 20 Jahren, aber das sind Prozesse,
Prozesse auch in der Bevölkerung, auch heute noch. wenn ich in Hamburg Taxi
fahre und sage, bitte bringen Sie mich zur Evangelischen Stiftung dann sagen
9 von 10 Taxifahrern: "Was meinen Sie? Ach sie meinen die Alsterdorfer
Anstalten!". Und dabei heißen sie seit 20 Jahren nicht mehr so. Aber so ist
es halt noch in den Köpfen der Leute drin. Eigentlich kann ja jeder mit
hilfsbedürftigen Menschen umgehen. Die nichtbehinderten Nachbarn müssen
lernen, dass sie z.B. auch den behinderten Nachbarn den Schlüssel übergeben
können, damit sie Blumen gießen. Also das wäre das Idealbild. Das man
deswegen noch lange nicht die Integration hat, das ist klar. Es wird sich
sowieso etwas ändern, weil die Kirche auch in ihren kirchlichen
Einrichtungen immer knapper planen muss. Also muss man sich sowieso andere
Strategien überlegen.
Ottmar Miles-Paul: Woran arbeiten Sie zur Zeit?
Dr. Esther Bollack: Ich habe in Hamburg ein kleines ethisches Institut
gegründet, das ist ein eingetragener Verein und Träger ist die Nordelbische
Kirche und die reformierte Kirche von Hamburg. Und Alsterdorf zahlt die
Sachkosten, es ist eben eine gute ökumenische Zusammenarbeit und eben auch
eine Zusammenarbeit zwischen einer sogenannten diakonischen Einrichtung und
einer normal verfassten Kirche und ich versuche vernünftige
Erwachsenenbildung zum Thema Bioethik zu betreiben, z.B. die Frage
Sterbehilfe oder die Frage Pränataldiagnostik. Was sind das überhaupt für
Methoden und was bedeutet das überhaupt. All die wichtigen Fragen auch zum
Thema Gentechnologie umzusetzen in Erwachsenenbildungskonzepte, eben nicht
für Experten, denn es gibt zu viele Experten die diskutieren und zu wenig
Normalbürger. und ich versuche das umzusetzen. Das Institut heißt
Pädagogisch Ethisches Institut in Hamburg.
Interview mit Hedwig Kaster-Bieker
Ottmar Miles-Paul: Sie haben viel über berühmte behinderte Frauen geforscht.
Was war dabei das Interessanteste oder Beeindruckendste?
Hedwig Kaster-Bieker: Es war erstaunlich, wie unterschiedlich die Frauen mit
ihrer Behinderung umgegangen sind und es war auch erstaunlich, dass es auch
in früheren Zeiten, als es den Begriff Feminismus noch gar nicht gab, es
sehr wohl Frauen gab, die man aus heutiger Sicht als emanzipiert bezeichnen
kann, die selbstbewusst mit ihrer Behinderung umgegangen sind.
Ottmar Miles-Paul: Es stand also nicht nur das Engagement für die
Frauenrechte im Mittelpunkt, sondern sie haben sich auch für ihr
Behindertsein entsprechend engagiert?
Hedwig Kaster-Bieker: Damen aus früheren Epochen haben sich nicht engagiert
für andere Behinderte, sondern, ich sage einmal, die haben versucht mit
ihrer eigenen Behinderung klar zukommen und ihren Platz in der Gesellschaft
zu finden. Die jüngeren, die zeitgenössischen Behinderten, die auftauchen,
die haben sich sehr wohl engagiert. Die gehen sehr offensiv an ihre
Behinderung ran, also ich nenne nur zwei Beispiele, Emanuelle Laboriet, eine
gehörlose Schauspielerin, mittlerweile sehr bekannt, die sich sehr engagiert
für die Gebärdensprache, als unverzichtbares Kommunikationsmittel für
gehörlose Menschen, einsetzt. Sie geht damit auch an die Öffentlichkeit.
Ottmar Miles-Paul: Wenn man in der Geschichte zurück geht, auf welche
behinderten Frauen stößt man denn da?
Hedwig Kaster-Bieker: Da nenne ich wohl die, mit denen ich mich am besten
auskenne. Eine damals berühmte Schriftstellerin ist Eugenia Marvelett, die
saß zwanzig Jahre im Rollstuhl. Oder es ist Margarethe Steiff, die
Begründerin der Steiffplüschtieredynastie, die Frau hatte Polio und hat dann
das beste daraus gemacht. Also das sind jetzt so ältere Frauen und dann gibt
es halt schlimme Beispiele aus der Zeit des Nationalsozialismus, wie man da
mit Behinderung umging. Also da konnte dann die Etikettierung "Behinderung"
wirklich direkt zum Tode führen. Zwangssterilisation und dann
Zwangseinweisung in die Psychiatrie und dann wurden die Menschen umgebracht.
Ottmar Miles-Paul: Weshalb finden Sie die Forschung über berühmte behinderte
Frauen so wichtig?
Hedwig Kaster-Bieker: Ich denke, weil es einfach noch ein Gebiet ist, was
vielen Leuten sehr unbekannt ist. Man kennt einige berühmte Männer mit
Behinderung, ich nenne diesen berühmten Physiker Stephen Hawkins. Wenn man
den Begriff behinderte Frauen in die Diskussion wirft, dann sind sehr wenige
Frauen bekannt. Frauen, die eine Behinderung hatten, haben diese versteckt.
Rosa Luxemburg hat sehr gehinkt, aber das sie behindert war, ist nur sehr
wenigen Leuten bekannt gewesen.
Interview mit Gusti Steiner
Ottmar Miles-Paul: Was haben Sie hier auf der Sommeruni genau angeboten?
Gusti Steiner: Ich habe hier in Bremen eine Veranstaltung zur
Standortbestimmung der Behindertenbewegung zur Euthanasie angeboten. Ich
habe dabei den Film "Der Pannwitzblick" gezeigt und anschließend ein wenig
die Theorie der letzten 30 Jahre in der Auseinandersetzung ausgearbeitet und
wir wollen heute noch etwas machen über einzelne Aktionen in den letzten 30
Jahren. Da sind wir gar nicht mehr zu gekommen, die Zeit war uns zu kurz.
Ottmar Miles-Paul: Wie ist den der Standort der Bewegung?
Gusti Steiner: Ja der Standort der Bewegung, da ging es mir darum, eben auch
für Jüngere nicht nur das Rad wieder neu zu erfinden, sondern die vertraut
zu machen, mit den Strategien, denen wir begegnet sind. Wir haben im Grunde
gesagt, es war nicht nur ein einmaliger Entgleisungsfehler, was die Nazis
mit der Ermordung hunderttausender Behinderter gemacht haben, denn es war
schon eine wissenschaftlich vorbereitete Geschichte, die immer wieder kommen
kann. Besonders dann, wenn das Geld knapp wird, kommen die Tötungsideologien
wieder an die Oberfläche, um einfach Geld zu sparen. Und da kommen eben
solche Argumentationsmuster zustande, das man sagt, ja, um den
leichtbehinderten Menschen eine Chance zu geben, muss man die
Schwerbehinderten hinmachen. Und das wollten wir einfach mal deutlich
machen, dass das Morgen oder Übermorgen wieder passieren kann. Und wenn man
ein paar Wochen zurück geht, dann war da die Diskussion, dass der alte
Mensch mit 75, nicht mehr gesundheitlich so versorgt werden soll, wie ein
jüngerer.
Ottmar Miles-Paul: Was haben die Jüngeren denn zu den Rädern gesagt, die Sie
Ihnen präsentiert haben, die sie nicht mehr neu erfinden sollen? Sind die in
der Diskussion mit dabei oder sind die auf einem ganz anderen Stern?
Gusti Steiner: Meine Erfahrung in dieser Veranstaltung war, dass die
eigentlich diese Mechanismen erkannt haben. Es war für die nicht so eine
ganz neue Idee, trotzdem, so glaube ich, muss man immer wieder darauf
hinweisen, weil sonst wird das so abgelegt unter dem Stichwort "die Nazis -
die haben wir ja nicht mehr" und das ist auch lange überwunden, aber die
ganz feinen Formen, wie das immer wieder mit Atrott und der Tötung durch
Zyankali gemacht worden ist, oder wie das propagiert wird durch Singer.
Singer wird dann im Grunde sagen, ja das sind eben Leute, die nur leiden und
die muss man vom Leid erlösen. Das war denen nicht ganz unbekannt und das
fand ich gut. Das sind die Gedanken, mit denen wir uns die letzten dreißig
Jahre herumgeschlagen haben, dass die auch so bei den Leuten im Kopf waren.
Ottmar Miles-Paul: Wenn Sie einen Ausblick auf die nächsten dreißig Jahre
wagen könnten, wo würden Sie die Behindertenbewegung gerne sehen?
Gusti Steiner: Ich würde sie gerne dort sehen, wo sie die Probleme
überwunden hat, die uns heute immer wieder beschäftigen. also dass das SGB
IX die Gleichstellungsgesetze im Bund und in den Ländern für eine bessere
Ausgangsbasis sorgen und trotzdem würde ich mir auch in dreißig Jahren
aktive Gruppen wünschen. Vieles kann nur in Gruppen bewältigt werden, immer
wieder sich auseinander zu setzen, mit unterschiedlichen Positionen ist
eigentlich nur in der Gruppe möglich. Wir sind ja auch älter, das ist ja
auch unser Nachteil, auch ein wenig in den Städten und in den Regionen
vereinzelt. Und es wäre schön, wenn da Gruppen einfach wieder wachsam
werden, aktiv werden und ich denke und würde mir auch wünschen, die hätten
ganz andere Probleme, die sie bewältigen müssen, als wir. Weniger
gravierend, weniger die Existenz in Frage stellend, als das jetzt noch bei
uns der Fall ist.
Workshop-Ankündigung:
Weit mehr Menschen, als man denkt, hegen den Wunsch nach persönlichem
kreativen Schaffen in Form von theaterästhetischem Ausdruck.
Sie sind auf der Suche nach ihren individuellen darstellerischen
Möglichkeiten und nach dem Was und dem Wie für eine szenische Umsetzung
ihrer Ideen. Der Workshop möchte ihrem schauspielerischen Interesse und
ihrer Intuition grundlegende Impulse, Motivation geben und nachfolgend
Gestalt verleihen. Individuelle Ausdrucksfähigkeit des Einzelnen zu
entfalten und diese in szenische Konzepte einzubetten, darum geht es.
Der Workshop orientiert sich an Methoden des Improvisationstheaters, das in
Teilbereichen auf literarische Textvorlagen (Gedichte und Kurzprosa)
zurückgreift, um die SpielerInnen zu Einzelszenen, individueller
Ausdrukckskraft und plastischer Rollengestaltung zu führen. Dabei wird die
eigene subjektive Wahrnehmung von Körper, Bewegung und Stimme zu einem
wichtigen Bestandteil unseres gemeinsamen Arbeitens. Das Workshop-Konzept
vermittelt darüber hinaus fundamentale Zugänge zum Theaterspielen und steht
einem breiten Kreis von Interessierten (mit oder ohne Vorerfahrung) offen.
Für die Teilnahme ist auf bequeme Kleidung und Schuhwerk zu achten. Auch
empfiehlt es sich Papier und Bleistift mitzubringen.
Der Workshop findet vom 29.07.-31.07.2003 jeweils von 14:30 - 17:30 Uhr
statt.
Thomas Zwerina ist lehrender Studienrat für die Fächer Englisch und Deutsch sowie Lehrer für das Zuhören an der Clemens-Brentano-Europaschule in Lollar; im Sommersemester 2003 Lehrbeauftragter für "Körper, Atem und Stimme" am Institut für Schulpädagogik an der Justus-Liebig-Universität Gießen; Mitglied der "Landesarbeitsgemeinschaft Darstellendes Spiel an hessischen Schulen"; seit 1990 Bühnenerfahrung in diversen Projekten als Pianist, Klang- und Geräuschespezialist, Rezitator und Schauspieler mit Veröffentlichungen in Print- und Hörmedien; seit 1999 musikalisch-literarisches Programm "lichtpausen" mit Siegfried Saerberg (zuletzt für den Südwestdeutschen Rundfunk in Mainz).
Interview mit Gotthilf Lorch über die Open Space Veranstaltung "Behinderte in Rumänien"
Ottmar Miles-Paul: Morgen läuft im "Open Space" ein Bildervortrag über Rumänien. Was
wird da gezeigt?
Gotthilf Lorch: Zunächst habe ich vor zu zeigen, wie die Situation von
Menschen mit Behinderung in Rumänien ist, nämlich, mit Verlaub gesagt,
beschissen. Dann habe ich vor ein paar nette Bilder über Rumänien zu zeigen,
was eigentlich ein wunderschönes Land ist und als 3. stelle ich dann noch
einen Verein vor, den ich in Tübingen zur Unterstützung von Menschen mit
Behinderung in Rumänien gegründet habe.
Ottmar Miles-Paul: Wie sind Sie dazu gekommen, sich gerade mit Rumänien zu
beschäftigen und vor allem nicht nur mit der schönen Landschaft Rumäniens,
sondern auch mit behinderten Menschen in Rumänien?
Gotthilf Lorch: Ja das ist ganz einfach, ich hatte eine Assistentin, die bei
mir gearbeitet hat, die kommt aus Rumänien, studiert in Deutschland und
meinte, dass ich sie doch auch mal zu Hause besuchen könnte, nicht mit dem
Hintergedanken, dass sie dann relativ billig ihre Eltern besuchen und auch
Geld verdienen kann und ich nicht ohne Hintergedanken, dass ich mit einer
Assistentin das Land kennen lernen kann, mit einer Frau, die einfach auch
die Sprache kennt und die Kultur und dass man ein Land so auch ganz anders
kennen lernen kann. Dann bin ich selber schon sehr lange in der
Behindertenbewegung in verschiedenen Funktionen aktiv und habe mich ganz
einfach für die Situation dieser Menschen interessiert. Zumal man in
Rumänien, wenn man jetzt einen ersten Blick drauf wirft, sehr viele
behinderte Menschen auf der Straße betteln sieht, weil einfach die
Verhältnisse dort so schlecht sind. Wenn man allerdings genauer hinblickt,
kann man feststellen, dass dies hauptsächlich behinderte Zigeuner sind, die
in Rumänien betteln, die zum Teil auch, so sagt man wenigstens, damit sie
mehr Geld einbringen beim Betteln, schon schon als Kleinkind behindert
gemacht werden. Das ist also eine ganz furchtbare Situation und dass
Menschen mit Behinderungen dort, die nicht den Zigeunerstämmen angehören,
dass die einfach gar nicht auf den Straßen gesehen werden. Die betteln also
nicht, sie geben sich mit ihrer Situation ab.
Ottmar Miles-Paul: Wo sind die?
Gotthilf Lorch: Die sind meist zu Hause, die leben in Dörfern bei ihren
Eltern. Sie haben kaum die Möglichkeit, aus dem Haus zu kommen, weil es dort
noch sehr wenige Möglichkeiten gibt, an Hilfsmittel zu kommen. Viele haben
gar keinen Rollstuhl, alle sind darauf angewiesen, dass sie ihre
Hilfsmittel, wie z.B. Rollstühle und Rollatoren von irgendwelchen
Hilfsorganisationen bekommen, die aus dem Ausland, meistens aus
westeuropäischen Ländern, kommen. Und wenn sie dann keine Kontakte und keine
Tipps bekommen, dann haben sie einfach keine.
Ottmar Miles-Paul: Wenn Sie könnten, was würden Sie tun, um die Situation zu
verbessern?
Gotthilf Lorch: Ja, ich kann ein bisschen etwas tun, in dem ich immer wieder
Hilfsmittel hier in Deutschland von Sanitätshäusern, die ausgemustert
werden, abschnorre und die nach Rumänien bringe. Was ich in nächster Zeit
vor habe, das ist eine Seminarreihe für Menschen mit Behinderung in
Rumänien, wo sie sich selbst erst einmal mit ihrer Behinderung und mit
Behinderung in der Gesellschaft auseinandersetzen sollen, wo sie aber was
über das Sozialrecht und andere Rechte in Rumänien mitbekommen sollen. Mit
dem Ziel, dass sie sich dann zusammenschließen, vor Ort Gruppen bilden, um
sich mit anderen Menschen mit Behinderung über sich und ihre Situation
auseinander zu setzen und auch in der Hoffnung, dass ein paar dabei bleiben,
um einfach Eigeninitiative zu ergreifen, die in Rumänien ja auch noch sehr,
sehr gering ist. Die Eigeninitiative in Rumänien ist sehr gering, weil es
früher ein kommunistischer Staat und eine Diktatur war. Dort leben viele
Menschen nach dem Motto, der Staat muss etwas für uns tun und wenn der Staat
nichts für uns tut, dann passiert sowieso nichts. Zusammen mit meiner Frau,
die auch aus Rumänien ist, will ich also Veränderungen bewirken und einfach
den Menschen helfen. Nähere Informationen finden Sie unter www.amici-tue.de.
Gisela Hermes, Swantje Köbsell und Ottmar Miles-Paul
für das Vorbereitungsteam
ottmar.miles-paul@bifos.de