Übersicht
19.07.2003 - Interview mit Dr. Volker van der Locht
19.07.2003 - Dinah Radtke
19.07.2003 - Interview mit Hannes Messerschmid
19.07.2003 - Michael Eggert
19.07.2003 - Martina Puschke
20.07.2003 - Interview mit Viola Melzer
20.07.2003 - Georg Gabler
20.07.2003 - Interview mit Pandelis Chatzegeniou
20.07.2003 - Volker Hink
20.07.2003 - Thomas Schmidt
20.07.2003 - Brigitte Faber
20.07.2003 - Christa Schlett
21.07.2003 - Petra Groß
22.07.2003 - Interview mit Andrea Katemann
24.07.2003 - Interview mit Bettina Pinter
24.07.2003 - Interview mit Horst Frehe
25.07.2003 - Interview mit Ricarda Kluge
21.07.2003 - Dörthe Gregorschewski
21.07.2003 - Katharina Schröter
23.07.2003 - Interview mit Gerlef Gleiss
29.07.2003 - Interview mit Cassandra Rohm
30.07.2003 - Interview mit Katja Breitfuß
30.07.2003 - Interview mit Stefan Göthling
30.07.2003 - Interview mit Andreas Öchsner
Ottmar Miles-Paul: Was erhoffen Sie sich von der Sommeruni?
Dr. Volker van der Locht: Ich erhoffe mir erst einmal, dass hier viele neue
Ideen gesammelt werden und dass es uns einen Schritt nach vorne bringt.
Ottmar Miles-Paul: Welche Schritte würden Sie sich genau wünschen?
Dr. Volker van der Locht: Da bin ich mir jetzt noch nicht so sicher, weil
ich denke, dass ganz verschiedene Leute kommen, die sicherlich in ganz
unterschiedlichen Bereichen aktiv sind. Ich glaube, das die Sommeruni ist
für viele Leute auch eine ganz neue Erfahrung. Ich würde das jetzt auch
nicht so festlegen wollen, ich glaube es ist auch irgendwie eine Wundertüte.
Ottmar Miles-Paul: Sie sind ja im Wissenschaftsbereich tätig, ist der
Zusammenschluss mit anderen Behinderten Wissenschaftlern hilfreich?
Dr. Volker van der Locht: Ja, ich denke schon, dass in dem normalen
Wissenschaftsbetrieb vieles nicht berücksichtigt wird, was von behinderten
Wissenschaftlern angesprochen wird. Ich kann das an einem Beispiel aus
meinem Bereich deutlich machen. Ich wollte auch etwas zu eigenständigen
Handlungsperspektiven behinderter Menschen im Nationalsozialismus machen.
Normalerweise denkt man, das seien immer nur passive Opfer. Aber ich denke
auch im Scheitern, sag ich mal, auch wenn sie sterilisiert oder ermordet
wurden, hatten sie doch so lange sie lebten eine Handlungsperspektive in
ihren Möglichkeiten. Ich finde, dass das z.B. überhaupt nicht berücksichtigt
wird im normalen Wissenschaftsbetrieb.
Ottmar Miles-Paul: Tut man sich schwer, derartige Themen an den Unis
durchzusetzen und entsprechend darüber zu forschen?
Dr. Volker van der Locht: Ja, es wird nicht ernst genommen, das heißt, es
gibt
da auch nicht die entsprechenden Anträge , die man gerne hätte, Stipendien
oder Forschungsmittel bekommt man dann einfach nicht durch.
Ottmar Miles-Paul: Wie lange werden Sie an der Sommeruni sein?
Dr. Volker van der Locht: Ich werde leider nur jetzt am Wochenende bei der
Kulturwissenschaftlichen Tagung und in der kommenden Woche hier sein.
Die Sommeruni ist ganz toll. Ich finde es toll, dass wir die Disability
Studies jetzt in Deutschland haben und das wir viele neue Ideen entwickeln
und diese auch umsetzen können, und dass Disability Studies ein fester
Bestandteil des Lehrprogramms an den Universitäten wird, aber auch, dass
Behinderte sich selbst in diesem Bereich fortbilden können. Ich meine wir
haben ja schon einen eigenen Bereich, eine eigene Ausbildung .Also ich finde
es ganz aufregend und ganz toll und ich freue mich riesig, dass das
stattfindet. Dabei ist die Kulturwissenschaftliche Tagung für mich ganz
wichtig
Bild: Dinah Radtke als zweite von links bei der Übersetzung des Beitrags von
Dr. Mark Priesley
Ottmar Miles-Paul: Sie kommen aus München - warum macht man einen so langen
Weg mitten im Sommer in der Urlaubszeit?
Hannes Messerschmid: Ich habe das Programm der Sommeruni gesehen und die
verschiedenen
Denkansätze die da vorgetragen werden, und die haben mich sehr interessiert,
da ich an dem kulturellen Bild der Behinderten viel zu arbeiten sehe .
Ottmar Miles-Paul: Sie sind ja schon langjährig aktiv, glauben Sie hier noch
etwas Neues finden zu können?
Hannes Messerschmid: Das hoffe ich. Ich bin ein starker Vertreter dessen,
dass das Bild von Behinderung und von behinderten Menschen mal ganz neu als
gesellschaftliche Funktion gefragt wird, und da hoffe ich, dass erste
Ansätze weiter voran getrieben werden.
Bild: Hannes Messerschmid in seinem Liegerollstuhl
Ich finde es hier bei der Sommeruni und der kulturwissenschaftlichen Tagung
eigentlich ganz interessant, bloß hätte
ich mich vielleicht mit den Papieren vorher beschäftigen müssen, damit ich
nicht Verständnisfragen und Diskussionen innerhalb von zehn Minuten klären
muss. Es ist also bei der kulturwissenschaftlichen Tagung ein bisschen zu
sehr gedrängt. Das würde ich als einen wichtigen Kritikpunkt nennen.
Theresia Degener hat es ja gestern geschafft, ihren Vortrag in leichterer Sprache zu halten. Das hat sie sehr gut gebracht. Inhaltliche Sachen hat sie so rübergebracht, das sie trotzdem jeder verstanden hat. Und ich finde leichtere Sprache ist auch eine wichtige Sache, die sich die Universität aneignen muss.
Bild: Michael Eggert
Ottmar Miles-Paul: Disability Studies wird hier heiß diskutiert, was ist für
Sie dabei wichtig?
Viola Melzer: Das die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, die sich mit
Disability Studies beschäftigen, auch einen Austausch anbieten für die
Menschen, die sich nicht durchgängig im Wissenschaftsbetrieb aufhalten.
Ottmar Miles-Paul: Welche Themen würden Sie gerne in diese Diskussion
einbringen? Was ist für Sie wichtig?
Viola Melzer: Das die nicht nur über die behinderten Menschen und über die
Verwissenschaftlichung der ganzen Theorien sprechen, sondern dass es noch
irgendwie transparent bleibt für uns alle.
Bild: Viola Melzer
Die Disability Studies haben meiner Meinung nach eine große Chance, wenn sie
jetzt verwirklicht werden würden, nämlich mit der Praxis zusammen zu gehen.
Ich habe aber die Befürchtung, dass die Disability Studies, wenn sie in
Ihrem Elfenbeinturm der Wissenschaft bleiben, nicht alle Möglichkeiten
ausschöpfen, die möglich wären um Disability Studies in Deutschland zu
installieren.
Von daher ist es meiner Ansicht nach notwendig, dass die Disability Studies nicht in ihrem Elfenbeinturm der Wissenschaft bleiben, sondern gemeinsam mit Menschen mit Behinderung aus der Praxis zusammen arbeiten und sich gegenseitig befruchten, so dass daraus ein wirklich gutes Konstrukt wird, um Behinderung neu zu denken.
Bild: Martina Puschke
Ich denke, die Disability Studies sind erst einmal ein noch weitgehend
unbekannter Ansatz. Bei den Disability Studies wurde aber durch die Tage
hier klar, dass das ein Name für etwas ist, das in Deutschland schon seit
Jahren praktiziert wird, ohne das es benannt geworden ist. Es ist wichtig,
dass wir in die Lage kommen, dies auch auf einem akademischen Level zu einer
Stütze zu bringen.
Bild: Geirg Gabler und Christa Schlett
Ottmar Miles-Paul: Haben Sie das erste Mal mit dem Thema Disability Studies
zu tun?
Pandelis Chatzegniou: Ich konnte vorher nicht genau beurteilen, was damit
gemeint ist. Ich denke, dass ich jetzt einen kleinen Einblick davon habe,
was es bedeutet.
Ottmar Miles-Paul: Und was denken Sie nun nach zwei Tagen Beschäftigung mit
dem Thema dazu?
Pandelis Chatzegniou: Der soziale und gesellschaftliche Aspekt von
Behinderung muss verändert werden. Gesellschaft sind wir alle, das heißt, es
geht hier nicht nur um die Beziehung von Behinderten und Nichtbehinderten,
sondern auch um die Beziehung von Behinderten untereinander. Ich habe das
schon mal an einem Beispiel klargemacht von den Blinden und den Sehenden. Da
wird gesagt, dass der sehende Nichtbehinderte dem Blinden den Weg erklärt,
ich denke das könnte genauso gut ein sehender Behinderter sein, der mit
Blindheit schlecht umgehen kann. Blindenverbände bauen z.B. auch Barrieren
auf, wo Rollstuhlfahrer nicht reinkommen. Ich habe z.B. noch keine Tagung
erlebt, auf der ich Tischvorlagen in Blindenschrift bekommen habe.
Bild: Pandelis Chatzegeniou
Ich habe mich ein bisschen mit dem Thema Disability Studies
auseinandergesetzt und mit den Ansätzen, die hier einige Leute haben. Ich
fand den letzten Beitrag von Frau Waldschmidt auf dem Podium zu der
Normalitätsdebatte besonders interessant.
Grundsätzlich waren für mich als Assistent diese Tagung eine neue Erfahrung, da ich noch nie an einer Tagung der Behindertenbewegung teilgenommen habe, jedenfalls nicht in diesem Umfang.
Bild: Volker Hink
Ich nehme viele Erkenntnisse mit nachhause. Über den Zustand und über das
womit sich die aktiven Teilnehmer der Krüppelbewegung heute beschäftigen,
das sage ich, als jemand der in den letzten Jahren im Grunde nichts mehr
macht. Ich bin sehr positiv überrascht über das Niveau und die Qualität der
Debatten und über die theoretischen Ansätze, die hier vorgestellt worden
sind. Das macht Lust weiter zu arbeiten.
Bild: thomas Schmidt
Ich finde, dass das die Sommeruni mit der kulturwissenschaftlichen Tagung
einen guten Start gehabt hat. Was ich auch noch denke ist, wie bekommen wir
noch mehr Austausch hin, zwischen Wissenschaftlern und der Bewegung, so dass
da eine gute Verzahnung stattfinden kann. Nicht so, dass die Wissenschaft
neue Theorien entwickelt und in der Bewegung nachher gesagt wird, dass man
das gerne anders hätte, sondern so, dass da wirklich eine gute Verzahnung
stattfindet, das wäre mir sehr wichtig. Man muss ausloten, welche
gemeinsamen Ziele man hat. Was ich mir auch noch wünsche, ist, dass ich
festgestellt habe, dass teilweise unterschiedliche Theorien da sind, ein
soziales Modell, ein kulturhistorisches Modell, und da wünsche ich mir, dass
nicht nur die Wissenschaft diskutiert, sondern auch die Bewegung, wo es denn
nun hingehen soll, wo es gemeinsam hingehen kann. Und dann wünsche ich mir
auch, dass wir bald einmal schauen, wie denn die ersten gemeinsamen Schritte
aussehen.
Bild: Brigitte Faber
Ich sehe eine spannende Zeit in meinem Kopf. Ich habe hier einiges gelernt,
das ich Zuhause weiter ausarbeiten werde. Ich habe eine kleine Kritik zu
einigen Gedankenansätzen, die hier zur Sprache kamen. Die Ansätze waren mir
zu wissenschaftlich. Einigen anderen Behinderten ging es hier ähnlich.
Insgesamt waren es zwei tolle Tage.
Bild: Christa Schlett und Georg Gabler
Also ich finde die Sommeruni ganz gut. Ich habe hier heute den ersten Tag am
Workshop "Von altem Wein und neuen Wegen der behinderten Frauenbewegung"
teilgenommen, bei Martina Puschke und Brigitte Faber. Sie haben das auch
ganz toll gemacht und haben das auch geschafft, in leichterer Sprache zu
sprechen. Die anderen Personen haben da auch drauf geachtet, manchmal musste
ich auch sagen und fragen, was verschiedene Dinge heißen. Sonst sind hier
auch nur nette Leute. Ich war auch schon beim Zahnarzt, weil ich
Zahnschmerzen bekommen habe und habe hier einen ganz netten gefunden. Ich
möchte noch mehr Leute kennen lernen und mehr zu den Frauenthemen erfahren.
Wir vom Netzwerk People First machen hier einen Infostand, mit dem wir für
eine leichte Sprache werben und führen zwei Veranstaltungen bei der
Sommeruni durch.
Bild: Petra Groß
Ottmar Miles-Paul: Wie ist es als blinde Frau an der Sommeruni? Kommt man da
zurecht?
Andrea Katemann: Ich denke, im Prinzip ja. Was ich persönlich kritisiere,
ist die Wegbeschreibung, die wir bekommen haben, vom Bahnhof zur
Universität, weil uns da Haltestellenangaben gefehlt haben und auch die
Angabe, wie man von der Haltestelle zur Universität kommt, das ist
vielleicht etwas untergegangen, vielleicht in dem Bemühen um gute
Organisation, denn eigentlich ist es hier sehr gut organisiert. Ich finde,
dass man hier auch sehr hilfsbereit und bemüht ist. Immer wenn ich mal
nachfrage, dann bekomme ich sehr gute Erklärungen und Anweisungen und man
fragt sofort wie und womit man mich unterstützen kann, das finde ich völlig
o.k. Ich wünsche mir für das nächste Mal nur eine etwas detailliertere
Wegbeschreibung für die Anreise. Ich weiß, dass es über den BVBS eine gab,
aber vielleicht könnte man die direkt die andere Wegbeschreibung beifügen.
Ottmar Miles-Paul: Das teilweise recht komplizierte Unigebäude und die
Veranstaltungen am Abend, klappt das mit den Transfers?
Andrea Katemann: Das ist. so, dass ich mich natürlich durchfragen muss, aber
das muss ich natürlich auf jeder Tagung. Das ist einfach meine Entscheidung,
ob ich das so mache oder nicht. Wenn ich mit Assistenz hingehe, dann hätte
ich es in dem Punkt wahrscheinlich leichter, andererseits ist es auch so,
dass sich die Assistenz nicht wirklich lohnen würde, da ich sie in der
Veranstaltung nicht brauchen würde, da sitzt sie nicht neben mir, weil da
gehen die Referenten auf meine Bedürfnisse sehr gut ein.
Ottmar Miles-Paul: Was hat sie hierher gelockt?
Andrea Katemann: Ich habe das über die Zeitschrift intern, das ist eine
Kassettenzeitschrift des DVBS, erfahren. Ich bin in der Germanistik tätig
und schreibe dort zur Zeit meine Doktorarbeit. Ich war besonders an
Literatur und kulturwissenschaftlichen Dingen interessiert. Deswegen bin ich
auch in dem Workshop "Behinderte und Kunst" und deswegen war ich auf der
Fachtagung, weil ich einfach den Eindruck habe, dass sonst das Thema "Kultur
und Behinderung" eher noch zu kurz kommt und mir das aber wichtig ist.
Ottmar Miles-Paul: Frau Kluge, Sie koordinieren an der Sommeruni im Rahmen
Ihres Praktikums den Einsatz der AssistentInnen. Was gibt es hier denn genau
zu tun?
Ricarda Kluge: Ich muss im Prinzip den Leuten erzählen, was sie zu tun
haben. Ich muss im Blick haben, was gemacht werden muss und muss die Leute
beauftragen, dass sie das auch machen und nachher schauen, dass das auch
wirklich passiert ist.
Ottmar Miles-Paul: Wenn morgens der Tag an der Sommeruni beginnt, was muss
dann getan werden?
Ricarda Kluge: Morgens ist es eigentlich ganz entspannt, weil die Leute
mittlerweile eigentlich wissen, was sie zu tun haben. Sie wissen in welche
Weitebildung sie gehören und was der Referent oder die Referentin benötigt
und suchen sich die Sachen zusammen und gehen inzwischen eigentlich alleine
mit.
Ottmar Miles-Paul: Aber das war ja nicht immer so, oder?
Ricarda Kluge: Nee, am Anfang war es ziemlich durcheinander. Am Anfang
musste jeder erst rauskriegen, wie seine Aufgaben sind. Man musste halt viel
hinterher sein und rauskriegen, was gebraucht wird und wie kommen die
Assistenten an die Sachen ran. Man musste auch erst mal Ängste nehmen, viele
wussten auch gar nicht, was sie so erwartet. Inzwischen haben sich aber alle
ganz gut reingewurstelt.
Ottmar Miles-Paul: Was ist Ihr Resümee nach einer Woche Sommeruni?
Ricarda Kluge: Inhaltlich kann ich da leider gar nicht so viel sagen, weil
ich ständig mit der Organisation beschäftigt bin. Ich würde gerne etwas dazu
sagen können, denn es interessiert mich sehr, was so läuft. Davon habe ich
leider überhaupt nichts mitbekommen. Organisatorisch kann ich sagen, dass es
leichter mit der Zeit wird, je länger es läuft.
Ottmar Miles-Paul: Das heißt, wir können jetzt noch fünf Wochen mit der
Sommeruni weitermachen?
Ricarda Kluge: Nee, also ich bin froh, wenn die zwei Wochen zu Ende sind,
denn ist schon sehr viel Arbeit hier.
Ottmar Miles-Paul: Sie sind aus Österreich. Was sagen Sie zur Sommeruni?
Bettina Pinter: Ich finde es total gut, dass es die Sommeruni gibt und für
mich ist es sehr interessant. Ich lerne neue Leute kennen. Ich treffe hier
sowohl auf Wissenschaftler, als auch auf Leute aus der Praxis. Ich treffe
hier auch auf eine Peergroup und das finde ich total gut, denn das sind
Menschen mit verschiedenen Behinderungsarten und gerade dieses
nebeneinander, oder zusammen arbeiten, das finde ich total gut.
>Ottmar Miles-Paul: Und wann können wir zu einer Sommeruni nach Österreich
kommen?
Bettina Pinter: Also schön wäre es, aber ich bezweifle, dass es so etwas bei
uns überhaupt geben wird. Ich habe hier gemerkt, dass Österreich bei den
Disability Studies noch sehr stark hinterher hinkt. Ich habe heute mit einer
Kollegin aus Deutschland gesprochen und da ist mir eben aufgefallen, dass es
sehr viele Wissenschaftler mit Behinderung in deutschen Unis gibt. In
Österreich kenne ich genau einen Pädagogen aus Innsbruck, der im Rolli
sitzt, und der auch nächste Woche hier ist. Aber ich kenne sonst niemanden,
der sich mit diesem Themengebiet beschäftigt, der selbst eine Behinderung
hat oder eine chronische Erkrankung - o.k., chronische Erkrankung kann ich
nicht feststellen -, aber eine sichtbare Behinderung hat. Und das finde ich
ein großes Manko für Österreich.
Ottmar Miles-Paul: Die Sommeruni hat jetzt fast Halbzeit. Was sind Ihre
Eindrücke von der ersten Woche?
Horst Frehe: Ich war schon von der Kulturwissenschaftlichen Tagung
begeistert und auch erstaunt über die Vielfalt der Themen und auch der
Spezialthemen. Besonders begeistert hat mich zum Beisiel die Beschäftigung
mit "Narren im Mittelalter". Dass das ein behindertenpolitisches Thema sein
kann, kommt einem nicht ohne Weiteres in den Sinn, aber es gibt ganz
interessante und spannende Parallelen.
Die Sommeruniversität danach, lief meines Erachtens hervorragend weiter,
weil auch die Vormittagsschulungen sehr intensiv und tragreich sind und auch
die Veranstaltungen am Nachmittag sehr bunt und sehr unterschiedlich sind.
Das finde ich sehr spannend.
Ottmar Miles-Paul: Sie haben hier ja eine Doppelrolle. Einerseits haben Sie
als Leiter der Koordinierungsstelle für das Europäische Jahr der Menschen
mit Behinderungen die Sache hier mit unterstützt und angeschoben.
Andererseits sind Sie sehr mit eingespannt an der Sommeruni. Was waren denn
Ihre Erwartungen am Anfang, als das Projekt letztendlich wuchs und entstand?
Horst Frehe: Die Erwartung war eine, die sich auch voll erfüllt hat. Nämlich
die, dass sehr viele behinderte Menschen zusammen kommen und genügend Raum
und Zeit haben, miteinander zu diskutieren und auch Erfahrungen
auszutauschen und an bestimmten Gegenständen weiter zu diskutieren und auch
zu überlegen, wie man bestimmte Diskussionsstränge weiterentwickeln kann und
das scheint sich auch zu erfüllen. Die Sommeruni bietet die Chance, sich
länger mit einem Thema zu beschäftigen, mit den gleichen Leuten, die den
Gesprächsfaden auch zu unterschiedlichen Themenbereichen wieder aufziehen
und auch voneinander, in den Pausen, zu erfahren, wie es in den anderen
Städten aussieht und wie da die Erfahrungen sind.
Ottmar Miles-Paul: Sie haben von den Narren im Mittelalter gesprochen. Das
war die Beschäftigung mit der Vergangenheit. Was könnte Ihrer Meinung nach
aus der Sommeruni wachsen? Es wurde über Disability Studies geredet, wo
sehen sie Perspektiven für die Zukunft?
Horst Frehe: Es ist deutlich geworden, auch durch die Zahl der Teilnehmer,
dass ein Diskussionsforum eröffnet werden muss, in dem bestimmte
Diskussionsrichtungen weiterentwickelt werden müssen, in dem auch
wissenschaftliche Fragen weiterentwickelt werden müssen und es dafür ein
Netzwerk geben muss. Das kann so aussehen, dass sich an den Hochschulen
Lehrstühle etablieren und dass die Menschen, die auf den Lehrstühlen sitzen,
dann auch miteinander Kontakt haben. Auch die Sommeruni wäre ein
hervorragendes Forum, wenn man versuchen würde, sie in den nächsten Jahren
zu wiederholen und in den nächsten Jahren solche Zusammenkünfte haben
könnte, um solche Diskussionen weiterzuführen. Ich denke, dass die
Wissenschaft aus Sicht Behinderter, die Fortbildung für uns Betroffene und
schließlich der Kontakt von Aktivisten zusammen kommen und weitergeführt
werden müssen. Schön wäre es, wie gesagt, wenn man den Rahmen für weitere
Sommeruniversitäten organisieren könnte.
Bei der Hitze qualmen die Köpfe hier ganz schön. Zur Zeit bin ich in einem
Workshop, den ich mir etwas anders vorgestellt habe. Es ist eine richtige
Selbsterfahrungsgruppe geworden. Der Workshop heißt: Therapie - zwischen
Wegmachen des Anders-Seins und Gewinn an Lebensqualität.
Es ist sehr spannend und ich bin gespannt auf das Ende. Wir haben gerade eine kurze Pause. Es geht noch eine Stunde weiter, mal gucken, zu welchem Ergebnis wir kommen.
Ich bin unheimlich froh und finde es ganz toll, was für Diskussionen geführt
werden und zu was für Ergebnissen wir kommen und das auch mal mehr Zeit
vorhanden ist über etwas zu diskutieren. Einfach ein paar Sachen innerhalb
von einer ganzen Woche ansprechen. Bei jeweils drei Stunden pro Vormittag
ist ja auch einfach mehr Zeit als bei nur einem Tag in der Woche. Ich finde
es schon sehr gut, dass ein Thema über fünf Tage gezogen ist. Die Gruppe von
Martina Puschke und Brigitte Faber. "Von altem Wein und neuer behinderter
Frauenbewegung" finde ich besonders gut.
Ottmar Miles-Paul: Das Europäische Jahr der Menschen mit Behinderungen hat
seine Halbzeit schon überschritten, was bleibt für Sie davon hängen?
Gerlef Gleiss: Das kann ich leicht beantworten. Also hängen bleibt mit
Sicherheit nur die Sommeruni, die bifos organisiert hat. Das ist eine tolle
Angelegenheit, inhaltlich, aber auch, dass es gelungen ist, viele behinderte
Menschen zusammen zu kriegen, die eigentlich mit der Selbstbestimmt Leben
Bewegung relativ wenig Berührung bisher hatten. Und das bleibt hängen, alles
andere waren wirklich Veranstaltungen, die bei mir nichts bewirkt haben.
Ottmar Miles-Paul: Was haben Sie denn politisch vom Europäischen Jahr
erwartet, bzw. was hätten Sie es gerne?
Gerlef Gleiss: Es gibt ja ganz drängende Probleme. Zu aller erst genannt,
die Absicherung der Assistenz von Menschen, die auf Assistenz angewiesen
sind. Und das auf allen Ebenen versucht wird, das Recht auf eine angemessene
Assistenz zu beschneiden. Die Gelder werden nicht mehr zur Verfügung
gestellt und das betrifft alle behinderten Menschen, ob die nun geistig
behindert, lernbehindert oder körperbehinderte Menschen sind, da hätte ich
mir natürlich gewünscht, dass da etwas passiert. Das irgendwelche Wege
aufgezeigt werden, wie man da hin kommt. Das ist eine ganz dringende
Aufgabe, die vor uns liegt
Ottmar Miles-Paul: Jetzt haben wir ja die Diskussion über die Situation von
Behinderten, die in Institutionen leben müssen. Von denen sind ja nur sehr
wenige da. Was erhoffen Sie sich denn von der Bewegung, aber auch von
Leuten, die in Parlamente gehen, wie z.B. Andreas Jürgens?
Gerlef Gleiss: Ich bin kein Freund von der Arbeit in den gegenwärtigen
Parlamenten. Ich merke, dass die Menschen, die dort gearbeitet haben, nicht
die Parlamente verändert haben, sondern die Parlamente die Menschen. Die
Parlamente haben Andreas Jürgens verändert oder Horst Frehe, oder wie sie
auch alle heißen. Also Andreas Jürgens redet ja im Grunde genau so, wie alle
anderen in der Sozialpolitik Verantwortlichen. Ich habe ihn erlebt auf einer
Tagung in Mainz zum Thema "Persönliche Assistenz", da wurden eben Vorschläge
gemacht und das erste, was Andreas Jürgens sagte, war: " Oh, da muss ich
aber erst mal genau durchrechnen, ob sich das rechnet." Das heißt, also auch
Andres Jürgens hat die Haushaltskonsolidierung im Kopf, so wie alle anderen
auch und nicht in erster Linie erst mal die Bedürfnisse und die Ziele der
behinderten Menschen. Meine Aufgabe, ich habe ja auch schon seit vielen
Jahren eine selbstbestimmtes Leben Beratungsstelle in Hamburg, meine Aufgabe
sehe ich darin, die Menschen zu ermutigen und zu stärken, sich für diese
Ziele einzusetzen und diese Ziele erst mal zu finden und zu formulieren. Das
ist bestimmt eine sehr langfristig angelegte Politik, aber ich halte sie für
erfolgsversprechender, als jetzt in die Parlamente hinein zu gehen.
Ottmar Miles-Paul: Wenn Sie jetzt einen Wunsch oder eine Veranstaltung frei
hätten, für das Europäische Jahr, was würden Sie wählen?
Gerlef Gleiss: Eigentlich hätte ich zwei Wünsche. Ich hätte auf alle Fälle
eine Veranstaltung, die die Lebenswirklichkeit der geistig- und
mehrfachbehinderten Menschen in Flächenbundesländern, die auch noch zu 70,
80, 90% in großen Komplexeinrichtungen leben, die einer ganz großen
Bedrohung ausgesetzt sind, nämlich dass die Eingliederungshilfe abgebaut
werden soll und dass sie alle zu Pflegefällen erklärt werden sollen, das
hätte ich gerne bundesweit zum Thema gemacht. Eine ganz große Veranstaltung,
von allen großen Trägern. Und das zweite ist eine ähnlich große
Veranstaltung, aber die weit über die Behindertenverbände
und -organisationen hinausgehen müsste, zum Thema Bioethik.
Ottmar Miles-Paul: Sie nehmen an der Weiterbildung "Angstabwehr und die
Produktion von Behinderung" mit Prof. Dr. Volker Schönwiese aus Österreich
teil. Wie ist die Weiterbildung bisher?
Katja Breitfuß: Ich finde sie ungemein spannend. Ich kann wirklich
wahnsinnig viel lernen. Wir haben uns bis jetzt sehr viel mit der Geschichte
der Behinderten befasst. Also ihr Verhältnis zur Nichtbehindertenwelt, bzw.
wie die Nichtbehindertenwelt sie ansieht, wie sie sie definiert, betrachtet
und das ist sehr erschreckend.
Ottmar Miles-Paul: Was ist dabei besonders bei Ihnen hängen geblieben?
Katja Breitfuß: Wie Behinderte klassifiziert wurden, wie die Gesellschaft
Behinderte so dermaßen degradiert hat, dass man sie mit Pflanzen vergleicht
und damit auf eine Stufe stellt.
Ottmar Miles-Paul: Sie sind den langen Weg aus Erlangen hier her gekommen,
was hat Sie besonders zur Sommeruni gezogen?
Katja Breitfuß: Mal wieder mit Leuten zusammen zu sein, die aus der
Selbstbestimmt Leben Bewegung kommen, alte und neue Gesichter zu sehen,
Austausch, Wissen das ich habe zu erweitern, Lücken zu füllen und meine
Freundin Rebecca, die hier wohnt.
Ottmar Miles-Paul: Fast 1 1/2 Wochen Sommeruni sind vorbei, was haben Sie
bisher an der Sommeruni mitgemacht?
Cassandra Ruhm: Ich habe die Wochenenden mitgemacht. Ich fand sehr
auffallend, dass es so ein großer Kontrast war, zwischen unheimlich
kompliziert geredeten Vorträgen, wie zum Beispiel bei Anja Tervooren, wo die
Inhalte bestimmt gut waren, wenn für Leute aus der Szene nicht neu, aber
bestimmt gut, aber kaum verständlich. Und Sachen, wo es manchmal viel
weniger vorbereitet war und sehr offen. Das fand ich, war ein unheimliches
Spektrum. Und ich finde es erstaunlich, dass ganz viele da sind, die ich
nicht kenne, die nicht aus der Szene sind, sonst nicht so auftauchen. Ich
habe das Gefühl, der Nachwuchs ist ganz anders, als wir vorher.
Ottmar Miles-Paul: Wie anders?
Cassandra Ruhm: Weniger wütend. Es gibt weniger, gegen das sie sich aufregen
und kaum einen politischen Ansatz. Es steht wenig Bewegung dahinter und
wenig Kraft. Aber ich war nur selten da. Ich war bei den Wochenenden viel
da. Und sonst war ich nur bei einzelnen Veranstaltungen.
Ottmar Miles-Paul: Wenn Sie jetzt eine nächste Sommeruni organisieren
müssten, was würden Sie besser machen?
Cassandra Ruhm: Ich habe mich bei der Auswahl der Referentinnen und
Referenten gewundert, dass viele, die viele gute Sachen gemacht haben, nicht
da sind, obwohl ich gehört habe, dass sie sich beworben haben. Und viele da
sind, wo ich das Gefühl hatte, die sind gar nicht so aus den Zusammenhängen
raus, obwohl das teilweise sehr gut ist, wenn man sie mit rein nimmt und
teilweise hatte ich das Gefühl, na ja, es hätte vielleicht Leute gegeben,
die noch bessere Sachen hätten sagen können und es schon länger tun.
Ottmar Miles-Paul: Sie arbeiten in Bremen an der Uni, was machen Sie da
genau?
Cassandra Ruhm: Ich mache die Sozialberatung für alle die da arbeiten und
Beratung der Universitätsleitung und, und, und.
Ottmar Miles-Paul: Was sind Ihre Eindrücke von der Sommeruni?
Stefan Göthling: Es ist für mich mal ganz anders, auch mal an
Veranstaltungen teilzunehmen, um wieder Neues zu lernen, um auch sich selber
wieder neu zu orientieren, um in das Alltagsgeschäft wieder neue Ideen
hinein zu bringen.
Ottmar Miles-Paul: Welche Anregungen nehmen Sie bisher mit nach Hause?
Stefan Göthling: Ich schaue mir von den Veranstaltungen, an denen ich
teilnehme, andere Moderationstechniken ab oder andere Gliederungen, um
wiederum meine Sachen zu verbessern und zu verändern.
Ottmar Miles-Paul: Die Ideen von People First und das Thema leichte Sprache
ist hier ja ein echtes Thema. Haben Sie als Geschäftsführer des Netzwerk
People First Deutschland das Gefühl, dass sich da etwas bewegt?
Stefan Göthling: Da bewegt sich auf jeden Fall etwas und wenn man nur die
Eröffnungsrede nimmt. Eine Frau, die eigentlich Jura macht, macht ihre Rede
in leichter Sprache. Da bewegt sich was, da ist ein großer Stein ins Rollen
gekommen.
Ottmar Miles-Paul: Welche Weiterbildung besuchen Sie während der Sommeruni?
Andreas Öchsner: Ich mache bei der Weiterbildung zur Persönlichen
Zukunftsplanung mit.
Ottmar Miles-Paul: Wie ist ihr Eindruck von dieser Weiterbildung nach drei
Tagen, was bleibt da hängen?
Andreas Öchsner: Das ist ein sehr interessanter Ansatz. Das ist eine Methode
für Menschen, die sich nicht so gut entwickeln können. Und das finde ich
total entspannend. Ich hoffe, dass das immer mehr greift und dass auch immer
mehr Leute das anbieten.
Ottmar Miles-Paul: Gibt es so etwas ähnliches schon in Österreich?
Andreas Öchsner: Nein, soviel ich weiß, haben wir in Österreich gerade vom
Namen gehört. Es wird nichts in der Praxis umgesetzt. Vor allem wenn man das
richtig umsetzt, heißt das, dass vorher ein Paradigmenwechsel stattfinden
musste. D.h., dass man, wenn man in ein Verfahren hinein geht, bereit ist,
nicht mehr defizitär orientiert zu denken und auch bereit sein muss das
Unmögliche möglich zu machen. Da sind wir in Österreich noch etwas hiervon
entfernt.
Ottmar Miles-Paul: Was sind Ihre Eindrücke von der Sommeruni allgemein? Was
ist gut, was kann man besser machen?
Andreas Öchsner: Gut ist, dass die Sommeruni mir erst mal ein Gefühl der
Stärke gibt und auch Power ausstrahlt und auch ein Bild der Geschlossenheit
der Behindertenbewegung widerspiegelt. Bei allen Unterschiedlichkeiten, die
es da gibt und auch unterschiedliche Standpunkte, finde ich, dass trotzdem
ein Wir- Gefühl vorhanden ist. Das gibt Power und Kraft und so kann
Behindertenpolitik Spaß machen. Und ich denke, dass das gut rüber kommt.
Ottmar Miles-Paul: Wenn es in zwei Jahren mal wieder so eine Sommeruni geben
würde, was kann man da noch besser machen?
Andreas Öchsner: Ich denke, dass wir auch lernen müssen, wichtige Themen,
die wir haben, auch didaktisch besser vorzubereiten, dass wir uns selber
ernster nehmen und selber auch sagen, dass wir nicht stehen bleiben dürfen
und Workshops auch spannend gestalten. Ich habe einen Workshop besucht,
"Persönliche Zukunftsplanung", der von der Didaktik und vom Inhalt sehr gut
vorbereitet war, wo auch die verschiedenen Bedürfnisse beachtet werden und
einfach eingebaut werden in den Workshop. Von Kollegen habe ich erfahren,
dass es leider in anderen Workshops nicht so der Fall ist, dass dort die
Sachen nach einem Konzept vorgetragen werden, das nicht so spannend ist.
Ottmar Miles-Paul: Sie sind mit Ihrem ganzen Team vom Zentrum für
Kompetenzen aus Wien gekommen?
Andreas Öchsner: Ja, das Zentrum für Kompetenzen ist eine Beratungsstelle
für behinderte Menschen in Wien. Zwei Jahre ist sie alt und wir richten uns
an behinderte Menschen, auch an Leute mit einer Lernbehinderung, das wird
auch angenommen und wer mehr wissen will, www.zfk.at.
Gisela Hermes, Swantje Köbsell und Ottmar Miles-Paul
für das Vorbereitungsteam
ottmar.miles-paul@bifos.de